Kleine Leseliste zur Vorbereitung oder um Erinnerungen aufzufrischen

Wer weiss, sieht mehr. So warb der Reiseführerverlag DuMont schon vor Jahren. In den vergangenen Jahren sind einige Bücher zu Zentralasien erschienen – wirklich gute Reiseführer für den Individualreisenden sind allerdings nach wie vor rar. Eigentlich gibt’s nur einen: Central Asia von Lonely Planet. Mittlerweile sind aber zu einzelnen Staaten Zentralasiens einige Titel erschienen, die einen gut vorbereiten auf eine begleitete Reise nach Innerasien. Und dies macht Sinn.
Mit dem Kartenmaterial verhält es sich ähnlich. Zwar sind zur Zeit vier Karten zu Zentralasien greifbar, doch keine kann wirklich den Anspruch erheben, genau zu sein. Die lieferbaren Übersichtskarten sind bei allen vorkommenden Ungenauigkeiten brauchbar; sie unterscheiden sich vor allem farblich, in der Gestaltung der topografischen Verhältnisse. Karten in grösserem Massstab sind  hier kaum erhältlich. Wer sich also für eine Wandertour vorbereiten möchte, wird das Kartenmaterial vor Ort suchen müssen oder besser und sicherer auch: Sich mit einem Führer auf den Weg begeben.

Reiseführer

Wenn ich ausserhalb Europas reise, begleiten mich meistens die Führer aus dem Haus Lonely Planet. Wie schon eingangs erwähnt, ist Central Asia das einzige Guidebook, das den Individualreisenden einigermassen sicher durch die Terra incognita Innerasiens führt. Abgesehen vom unerreicht hohen und zuverlässigen Standard der praktischen Informationen bezüglich Transport, Unterkunft, Verpflegung etc. besticht auch die ausserordentlich gut gegliederte klare Einführung in die Geschichte Zentralasiens. Nur in English erhältlich.
Mayhew, Bradley et.al.: Central Asia, kt., 508 S., Lonely Planet, 6. Auflage 2014, ca. Fr. 35.– Die 7. akt. Auflage wird im Juni 2018 erscheinen.

 

Thumbnail1972 erschien diesseits des Eisernen Vorhangs in London einer der ersten Reiseführer zu Zentralasien: Edgar Knoblochs Beyont th Oxus. Der treffend schöne Titel knüpft nicht nur inhaltlich, sondern auch seiner klassisch-eleganten Sprache wegen an einen mittlerweile verlorenen Bildungshorizont. Die deutsche Ausgabe, die schon ein Jahr später erfolgte, verzichtete auf die antike Anleihe und setzte auf den schlichten Titel Turkestan. 1999 erschien nochmals eine revidierte Auflage, die jedoch ebenfalls vergriffen ist. Falls Sie in einem Antiquariat fündig werden und nicht nur Zeit zum Reisen sondern auch zum Lesen haben, greifen Sie zu!
Edgar Knobloch: Turkestan, Ln., 333 S. vergriffen

ThumbnailDer Autor des DuMont Kunstreiseführers gehört einer Generation an, die sich kaum als Traveller bezeichnet hat. 1961 schon reiste der Ingenieurwissenschafter Klaus Pander erstmals nach Zentralasien. Sein Buch, ein Klassiker ebenfalls, ist solide kunstgeschichtlich ausgerichtet.Ein ausführlicher, gut gegliederter allgemeiner Teil führt in die Geschichte der Seidenstrasse ein. Schwerpunkt des Bandes im Konkreten ist Usbekistan; Turkmenistan und vor allem Kirgistan und Tadschikistan werden nur kurz gestreift, nicht zuletzt wohl deswegen, weil letztere nur wenige Bauwerke aus der Blütezeit der islamischen Hochkultur aufweisen. Der Band eignet sich gut als
Vorbereitung für eine geführte Kulturreise.
Klaus Pander: Zentralsaien, kt., 384 S., DuMont Verlag, 8. akt. Auflage 2010, ca. Fr. 35.–

Jonathan Tucker ist ein ehemaliger Direktor des seit 1666 tätigen britischen Auktionshauses Spink and Son Ltd. und war da für indische und südostasiatische Kunst verantwortlich. Er lebte während mehreren Jahren in Asien und beschäftigte sich intensiv mit den kulturellen Schätzen entlang der alten Seidenstrasse. Entstanden sind daraus zwei relativ schmale Bände, die er als „Travel Companion“ bezeichnet: Zwei Kulturreiseführer – einer zu China und dem Karakoram Highway, der andere zu Zentralasien, Afghanistan und Iran. Dem Autor gelingt es, Geschichte, Kulturgeschichte und Kunstgeschichte so zu bündeln, dass man auch bei allem vermittelten Detailwissen nie den grossen Überblick verliert.Zwei im besten Sinne ergänzende Reiseführer, die die entsprechenden, eigentlich zu knappen, Kapitel der „echten“ Reiseführer vertiefen.
Jonathan Tucker: The Silk Road. China and the Krakoram Highway; I.B. Tauris, 2015, kt., 254 S., ca. Fr. 27.–
Jonathan Tucker: The Silk Road. Central Asia, Afghanistan and Iran; I.B. Tauris, 2015, kt., 220 S., ca. Fr. 27.–

Von Grund auf überarbeitet und erweitert ist die Neuauflage des Kirgistanführers von Thomas Scholl. Das Buch überzeugt durch Detailreichtum zu Geschichte, Natur, Wirtschaft und Kultur. Im Weiteren beschreibt der Autor natürlich auch die wichtigsten Regionen des Landes und skizziert einige Routenvorschläge. Der praktische Teil zu Unterkunft und Transport ist allerdings nicht so umfangreich wie beim Lonely Planet, aber up to date. Im Weiteren nützlich ist ein kleiner Sprachführer sowohl für Russisch als auch für das Kirgisische. Empfehlenswert auch für unterwegs.
Thomas Scholl: Kirgistan, kt., 246 S., Trescher Verlag, 5. erw. Auflage 2017, ca. Fr. 28.–

 

Auch Judith Peltz und Daniel Lepetits Buch zeichnet sich durch Detailreichtum aus. Ihre Einführungskapitel über Land und Leute sind jedoch knapper gehalten; der Fokus richtet sich im umfangreicheren zweiten Teil mehr auf die einzelnen Sehenswürdigkeiten. Die Autorin liebt es offensichtlich auch, in farbigen Bildern zu schildern, wie das Leben in den Medresen, Moscheen und Karawansereien einst ausgesehen haben könnte. Geeignet als Vorbereitung für eine Gruppenreise und allenfalls zum Besichtigen einzelner Sehenswürdigkeiten vor Ort.
Judith Peltz: Usbekistan entdecken, kt., 300 S., Trescher Verlag, 11. Aufl. 2017, ca. Fr. 28.–

 

Bereits in 2. Auflage liegt der ausgezeichnete Führer von Isa Ducke und Natascha Thoma vor. Die ersten beiden Kapitel, „Wissenswertes über Usbekistan“ und „Wissenswertes für die Reise“, vermitteln knapp und doch ausführlich genug alles, was man vor der Reise wissen sollte. In weiteren sechs Kapiteln informieren die beiden Autorinnen über alle sechs Grossregionen des Landes, wobei ihr Augenmerk zwar auf den Baudenkmälern liegt, aber wo immer möglich auch wertvolle Tipps für Ausflüge in die Natur geben. Und wie bei jedem guten Reiseführer fehlen natürlich auch diejenigen Informationen nicht, die auch für den Individualreisenden wichtig sind: Hotels, Restaurants, Transportmögloichkeiten, Tipps für Souvenirs, Karten, kleiner Sprachführer, etc.
Isa Ducke/Natascha Thoma: Usbekistan; Pb., 424 S., DuMont-Reisehandbuch; ca. Fr. 35.– 

Calum Macleod und Bradley Mayhew sind bewährte Reiseführerautoren – Bradley schrieb seinen ersten Usbekistanführer 1995, heute koordiniert er auch for Lonely Planet den Zentralasienführer. Sein Usberkistanbuch gibt es nebenher noch immer, aktualisert natürlich. Sein Buch halte ich noch immer für den besten Reiseführer, zumal für Individualreisende. Im Unterschied zum ebenfalls wirklich empfehlenswerten Führer aus dem Dumont Verlag, ist bei Bradley Mayhew noch zu spüren, dass er die Region noch zu einer Zeit bereist hat, wo Internetbuchungen und Smartphones noch kein Thema waren: Ein Travelguidebook, das mit aktuellen Informationen aufwarten kann und dennoch die Aura einer noch nicht allzu lang vergangenen Zeit spüren lässt, wo der Erdball noch nicht von Googlemaps vermessen worden war.
Calum Macleod/Bradley Mayhew: Uzbekistan. The Golden Road to Samardand; Odyssey Books, 2017, kt., 382 S., ca. Fr. 29.–

„Восток“ ist russisch und bedeutet „Osten“. So nennt sich auch der Verlag aus Berlin, der Bücher und Broschüren mit „Informationen aus dem Osten für den Westen“ publiziert. Schon rein optisch fällt auf, dass die Publikationen nicht einer westlichen Warenästhetik folgen. Dennoch sind die Informationen vor allem auch zu Alltagsbräuchen als Ergänzung durchaus nützlich. Faszinierend auch ist festzustellen, dass Personen aus einem bestimmten Land zu „ihrem“ Land anders werten und sich dies auch im Ton ausdrückt. Ein mit jeder Auflage aktualisiertes Kapitel „Wissenswertes – Usbekistan von A-Z“ informiert zudem über alle praktischen Dinge, die für Individualreisende nützlich sind.
Britta Wollenweber/Peter Franke (Hrsg.): Usbekistan. Land zwischen Orient und Okzident. Reiseführer für den Hintergrund; Wostok Verlag, 5. akt. Auflage, 2017, br., 208 S., ca. Fr. 22.–

 

ThumbnailAuf diesen Führer über Tajikistan musste man lange warten! Eine Einschränkung zwar gleich vorweg: als praktischer Reiseführer für Unterkunft und Transport ist der soeben erschienene, umfangreiche und schön bebilderte Band weniger zu gebrauchen. Doch was die beiden Autoren Middleton und Huw zum Gebirgsland zusammen getragen haben, lässt einen eine Reise schon fast zu Hause unternehmen. Und vielleicht sollte man den gewichtigen Band sogar auf die Reise mitnehmen, denn mir scheint, dass Sie mit dem Buch über mehr Informationen verfügen werden, wie allenfalls ein Guide. Nur in Englisch erhältlich.
Middleton, R./Huw, Th.: Tajikistan and the High Pamirs, kt., 700 S., Odyssey, 2. akt. Auflage, 2011, ca. Fr. 32.–

Eingangs erwähnte ich schon, dass das Kartenmaterial zu Zentralasien nicht die Qualität der Schweizerischen Landestopografie erreicht.  Eine Ausnahme macht hingegen die Karte im Massstab 1:500000 des Schweizers Markus ThumbnailHauser, dessen Pamirkarte, u.a. auch vom DEZA mitfinanziert, für eine Reise in diese Region unerlässlich ist. Erschienen ist sie bei Gecko-Maps, wo auch genaue Karten zu Nord- und Südtajikistan vorliegen.

 

Bücher zu Geschichte, Politik und Gesellschaft

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Literatur zur Geschichte Zentralasiens, vor allem auch zur älteren Geschichte, gibt es auch in deutscher Sprache in grösserer Auswahl; mögen Sie allerdings Nachsicht zeigen, wenn leider viele der Titel schon nach wenigen Jahren wieder vergriffen sind. Antiquarisch oder in Bibliotheken sind jedoch die meisten aufzutreiben. Im Weiteren sei angemerkt, dass es sich bei den meisten Werken um Bücher handelt, die schon gewisse Grundkenntnisse voraussetzen. Ich empfehle Ihnen deshalb, als Einstieg die jeweiligen Kapitel zur Geschichte und Politik in den Reiseführern zu lesen.

2015 machte in England ein Geschichtswerk Furore, das die Weltgeschichte nicht aus europäischer Sicht, sondern aus zentralasiatischer Sicht unter die Lupe nimmt. Das hat durchaus Berechtigung, siedelten doch schon in der Stein- und Bronzezeit Menschen in Innerasien und – was wohl wichtiger ist: Zentralasien war schon im ersten Jahrtausend vor Christus ein Dreh- oder Angelpunkt zwischen West und Ost. Herausragende Wissenschafter – Mathematiker, Geografen, Astronomen aber auch Philosophen, Literaten und Religionsstifter – stammten aus den damaligen Hochkulturen zwischen dem heutigen Iran, Afghanistan, Turkmenistan und Usbekistan. Dem Autor, Peter Frankopan, ist es gelungen, die Sicht auf den innerasiatischen Raum zu öffnen, auch wenn man seine Sicht nicht in jeder Hinsicht teilt. Ein höchst informatives, gut geschriebenes Buch, das auch diejenigen zu fesseln vermag, die nicht nach Zentralasien zu reisen gedenken. Eine deutsche Übersetung erschien 2016.
Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt; Rowohlt Verlag, geb./TB; 944 S., ca. Fr. 52.–/27.50

Hermann Vámbéry (1832-1913) war ein ungarischer Orientalist und Turkologe, ein Weltreisender und vermutlich auch ein Geheimagent in britischen Diensten. 1872 erschien seine Geschichte über Usbekisten und Transoxanien, das seit zwei Jahren auch auf deutsch wieder als BoD (Book od Demand)  erhältlich ist. Vámbéry ist ein extrem gelehrter Forscher des vorletzten Jahrhunderts, der es aber ausgezeichnet versteht, Geschichte trotz vieler Details flüssig und packend zu vermitteln. Wer sich für die Geschichte Usbekistans zwischen 666, als die muslimischen Araber sich aufmachten, um Choresmien zu erobern, und 1850 interessiert, der oder die findet in diesem Buch den geeigneten Hintergundschmöker.
Hermann Vámbéry: Geschichte Bochara’s oder Transoxaniens. Von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart (1850). Nach orientalischen benützten und unbenützten handschriftlichen Geschichtsquellen; Hansebooks, Nachdruck der Ausgabe von 1872; ca. Fr. 36.–       

Einen Überblick in die Geschichte der Seidenstrasse, die auch China,  Persien, den Irak und die Ländereien bis zum östlichen Mittelmeer miteinschliesst, vermittelt das auf das Wesentlichste konzentrierte Bändchen von Thomas Höllmann. Das Büchlein schildert die Geschichte nicht chronologisch, vielmehr gliedert der Professor für Sinologie und Ethnologie an der Universität München seine dicht geschriebene Übersicht in thematische Kapitel; nur schon dadurch wird einem bewusst, welch eminent grosse Rolle die alte „Seidenstrasse“ im Güteraustausch und Wissenstransfer gespielt hat. Und man ahnt auch gleich schon, mit welchen Schwierigkeiten diese Verbindung zwischen West und Ost verknüpft war. Ähnlich konzipiert ist auch der reich bebilderte Band von Frances Wood, sie leitet die chinesische Abteilung der British Library in London und gilt als eine der besten Kennerin der Geschichte der Seidenstrasse. Ihr etwas umfangreicheres Buch liest sich, nicht nur der Abbildungen wegen, mit etwas grösserem Genuss, es eignet sich jedoch weniger als Teil der Reisebibliothek. Die beiden Bücher ergänzen sich zum Teil gegenseitig und man wird auch feststellen,  dass offensichtlich die Quellenlage nicht immer eindeutig ist.
Thomas Höllmann: Die Seidenstrasse; 4. akt. Aufl. 2017, C.H. Beck, 128 S., ca. Fr. 13.–
Frances Wood: Entlang der Seidenstrasse. Mythos und Geschichte; 2007, Theiss Verlag, 191 S., vergriffen

Ibn Battuta (1304-1368 oder 1378), geboren in Marokko, war ein Rechtsgelehrter und einer der grossen Reisenden der muslimischen Welt. Rund 30 Jahre nach Marco Polos Rückkehr nach Venedig unternahm Battuta seine Reise nach Zentralasien und China (1325-1332), also noch vor Timur Lenks Feldzügen, der die um die 130 Jahre zuvor von Dschingis Khan eroberten und zerstörten Städte nochmals in Schutt und Asche legte. Erich Follath, er war viele Jahre als Diplomatischer Korrespondent für den SPIEGEL tätig, folgt in seinem Buch „Jenseits aller Grenzen“ der Reise Ibn Battutas und verknüpft so die Geschichte des Zweistromlandes, des Irans, Afghanistans und Zentralasiens mit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation. Dem Autor gelingt mit seinem spannend und flüssig geschriebenen Sachbuch, die muslimische Welt Innerasiens damals und heute in grösseren Zusammenhängen aufzuzeigen und ermöglicht uns, die verknäuelten Vorkommnisse dieser entlegenen Weltgegend besser zu verstehen.
Erich Follath: Jenseits aller Grenzen. Auf den Spuren des grossen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam.; TB im Penguin Verlag, 2017; 528 S., ca. Fr. 17.–

Ein von Bert Fragner und Andreas Kappeler herausgegebenes, eher wissenschaftliches Sachbuch, versammelt in zehn Beiträgen verschiedener Autoren Tiefenbohrungen zur Geschichte, Gesellschaft oder Sprachen Zentralasiens. Zugegeben, einige dieser Beiträge sind staubtrockene Abhandlungen, andere packen hingegen einen wie eine Abenteuergeschichte. Alle aber vertiefen die summarischen Überblicke der Reiseführer – so wertvoll auch diese für einen schnellen ersten Einstieg sind – in einer Weise, die aus einer Ferienreise eine Studienreise ausmachen.
B. Fragner/A. Kappeler (Hrsg.): Zentralasien. 13. – 20. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft; Promedia Verlag, 2006; 226 S., vergriffen

 

Wer Sachbücher liest oder anspruchsvollere Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, die dieser Charakterisierung noch gerecht werden, stösst immer auch wieder auf Begriffe, die einem mitunter nur der Spur nach bekannt sind. Meistens reicht das aber auch. Wer’s genauer wissen möchte, beginnt zu googeln oder greift zu einem Lexikon. Ein solches, speziell zu Zentralasien, ist  2004 zwar schon, doch immer noch ganz erhellend, im Beck Verlag erschienen: Alphabetisch findet man zu den relevanten Stichworten die fundierten Artikel dazu – von Afghanistan bis zur Zivilgesellschaft und zwar eben nicht ganz allgemein gehalten, sondern stets in Zusammenhang stehend mit den Themenfeldern, die Zentralasien oder deren Staaten betreffen, die diesem grossen geografischen Raum entsprechen.
Marie-Carin von Gumppenberg/Udo Steinbach (Hrsg.): Zentralasien. Geschichte/Politik/Gesellschaft. Ein Lexikon; C.H. Beck, 2004, 358 S., ca. Fr. 24.–

Wem dies alles zu wenig genau ist, wer vor allem auch wissen möchte, wie die heute selbständigen Staaten funktionieren und weshalb sie so funktionieren und nicht anders, der wird um den Band 8/9-2007  der Monatszeitschrift „Osteuropa“ nicht herumkommen. Im Geleitwort schreiben die Herausgeber: „Zentralasien ist paradox. Seine Vergangenheit ist nahe, seine Gegenwart fern. (…) Das heutige Zentralasien ist weitgehend terra incognita.“ Das stimmte 2007 – und stimmt noch heute. von zehn Jahren reisten wahrscheinlich nicht viel weniger Leute nach Innerasien als heute. Und diejenigen, die reisen, interessieren sich in erster Linie für die Geschichte/Kulturgeschichte; diese kennen wir kaum. Natürlich ist auch diese wichtig für das Verständnis von heute, doch wir Menschen im Westen neigen dazu, die Zeit, in der wir leben, für alle rund um den Erdball auch gleich richtig interpretieren zu können. Für was denn sonst haben wir die Informationssendungen im Fernsehen und die Berichte in den Zeitungen? Wer nur schon wenige Beiträge dieser höchst informativen Zeitschrift liest, wird unschwer feststellen, dass die oft spärlichen, oder tagespolitisch kaum verifizierbaren  Informationen zu diesen ehemaligen UdSSR-Republiken und heutigen Nationalstaaten nur kurze Schritte haben.
Osteuropas 8-9/2007: Machtmosaik. Zentralasien. Traditionen, Restriktionen, Aspirationen; Berliner Wissenschaftsverlag, 2007, 648 S.; ca. Fr. 48.–

Peter Hopkirk (1930-2014) war ein begnadeter Journalist, der sich vor allem mit der Geschichte Zentralasiens befasste. Sein Buch „The Great Game“ erschien erstmals 1990 – und wurde nie ins Deutsche übersetzt – ein Jammer für nur deutsch Sprechende. Ein Glück für diejenigen, die auch ein englischsprachiges Buch  mit Genuss lesen können. Packend und profund, wie dies angelsächsischen Wissenschaftsautoren eigen ist, erzählt Hopkirk die Geschichte der zentralasiatischen Staaten – ein entlegener Schauplatz der Geschichte – als  hin und her Russlands und der britischen Krone. Ein Buch auch, das noch heute aufzuzeigen vermag, wo heute die gordischen Knoten liegen im zentralasiatischen Raum zwischen Usbekistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan.
Peter Hopkirk: On Secret Service in High Asia. The Great Game; Oxford University Press, 2001, Pb., 560 S., ca. Fr. 24.–

Der Schweizer Daniel Schwartz, der sich vor allem als Fotograf einen Namen machte – 2007 zeigte das Helmhaus in Zürich eine beeindruckende Ausstellung grossformatiger Fotografien aus Zentralasien – legte im Herbst 2008 ein sowohl umfangreiches als auch ehrgeiziges Reisebuch vor: Schnee in Samarkand. Wenn viele der modernen Reiseberichte zu persönlich gefärbt sind, so ist Daniel Schwartz‘ Buch genau das Gegenteil. Es reiht sich ein in die Galerie der grossen Werke, die extrem spannend sind für diejenigen, die schon viel über die Region wissen. Es ist zudem auch ein eigentliches Tagebuch, das mit Ort und Datum festhält, was der Autor an diesem und jenem Tag erlebt hat; doch es ist auch vielmehr. Gleich eingangs seines beeindruckendes Buches gibt der Autor die Richtung vor: „Das Wenigste, von dem dieses Buch uneingeschränkt Kunde gibt, weiss ich aus eigener Anschauung.“ Ein ehrliches Statement, denn nicht selten ist es so, dass persönliche Berichte aus dieser Weltgegend auch aus zweiter oder dritter Hand erzählen.
Daniel Schwartz: Schnee in Samarkand. Ein Reisebericht aus dreitausend Jahren; Eichborn Verlag, 2008, geb., 992 S., vergriffen

Belletristik/Reiseberichte

Christopher Aslan Alexander ist ein Kosmopolit – in der Türkei als Sohn englischer Eltern geboren, wuchs er in Beirut auf, studierte in London und zog anschliessend nach Zentralasien, wo er für eine schwedische NGO in Khiva tätig war – und schliesslich dort länger hängen blieb. Aus diesem Aufenthalt ist ein Buch entstanden, das einen tiefer in den Alltag führt als alle andern Bücher, die ich zu Usbekistan kenne. Der Autor erzählt nicht nur, wie er einen Workshop aufgebaut hat, den wir übrigens auch besichtigen, er erzählt auch, aus welchem Milieu die Frauen kommen, die dort arbeiten. Und er zeigt auf, dass nach der Unabhängigkeit überkommene Traditionen wieder Oberwasser kriegten und neue patriarchalische Strukturen wieder neue Abhängigkeiten schaffen. Es ist aber auch ein Buch über Freundschaften, die daran glauben lassen, dass auch Auswege und neue Wege möglich sind.
Christopher Aslan Alexander: A Carpet Ride to Khiva. Seven Years on the Silk Road; Icon Books, 2010, geb., 334 S., ca. Fr.

Peter Böhm berichtete vor gut zehn Jahren für die „taz“ und die „NZZ“ und auch für verschiedene „ARD-Radiosender“ über Zentralasien. Seine Reportagen aus den seit bald dreissig unabhängigen“-stan-Republiken“ der ehemaligen UdSSR, sind nicht nur empfehlenswert, weil sie auch über Themen berichten, mit denen man auf einer dreiwöchigen Zentralasienreise nie in Kontakt kommt, zum Beispiel die Reportage über das Austrocknen des Balchaschsees oder über den problematischen Wiederaufbau der Bibi-Khanim-Moschee in Smarkand.
Peter Böhm: Tamerlans Erben. Zentralasiatische Annäherungen; Picus Verlag, 2005, 185 S., ca. Fr. 22.–

 

Erika Fatland ist eine junge Norwegerin, die laut Verlag acht Sprachen spricht und die bereits schon mehrere Bücher veröffentlicht hat. Der Klappentext preist ihr Buch mit einem Zitat aus „Klassekampen“ – was oder wer immer das auch sei – an: „Wenn Sie vorhaben, nach Zentralasien zu reisen, ist Fatlands Buch die perfekte Einführung.“ Das stimmt natürlich so nicht. Das Buch ist jugendlich flott geschrieben, hat einen ebensolches Cover, doch die Autorin hält es doch oft mit Allgemeinplätzen, geizt nicht mit aus dubiosen Quellen stammenden Horrorgeschichten und steht als gutes Beispiel dafür, was man unter westlich geprägter kulturell-politischer Überlegenheitspose verstehen kann. Fatland geht es nicht darum, etwas Fremdes zu verstehen, ihr geht es vielmehr darum zu zeigen, dass sie mit Deppen umzugehen weiss. Obwohl bei Suhrkamp erschienen nicht wirklich empfehlenswert.
Erika Fatland: Sowjetistan; Suhrkamp TB, 2017, kt., 505 S., ca. Fr. 24.–

Yasushi Inoue (1907-1991) ist einer der bekanntesten japanischer Schriftsteller, den niemand mehr vergisst, der seinen schmalen Roman „Das Jagdgewehr“ gelesen hat. Inoue konnte in den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zweimal mit einer Delegation von Wissenschaftern in die Westlande Turkestans in der damaligen Sowjetunion reisen. Ein Teil der Regionen, zum Beispiel diejenige um den Issyk-Kul, war damals für gewöhnliche Reisegruppen nicht zugänglich. Inoues Buch ist kein zeitgenössischer Reisebericht, es ist vielmehr ein funkelnder, literarischer Diamant, über den Inoue bescheiden sagt, es sei eigentlich nur „mein allzu grober Rückblick auf die Geschichte von Land und Volk Westturkestans, der eigentlich nur einige wenige mit meinen eigenen Worten umschriebene alte Quellen wiedergibt…“. Inoue hat ein Buch geschrieben, das Wissenschaft mit Literatur verbindet und dem es damit gelingt, längst Vergangenes wieder zum Leben zu bringen. Ein zutiefst humaner Text, den Suhrkamp hoffentlich nochmals auflegen wird.
Yasushi Inoue: Reise nach Samarkand; Suhrkamp Verlag, 1998, geb., 174 S., vergriffen.

Ella Maillart reiste 1932, sie war damals 29 Jahre alt, allein in die Sowjetunion, doch nicht nur nach Moskau, sondern zuerst in den Südkaukasus und anschliessend nach Turkestan, wie man zu jener Zeit noch den von Turkvölkern besiedelten Raum Zentralasiens nannte. Ella Maillarts Bücher haben durchaus auch literarische Qualitäten, ihr Anspruch jedoch lag auf einem ganz anderen Feld. Sie ist eine wirklich Reisende: Nicht voreingenommen, wissbegierig, genau beobachtend auf der einen Seite, mutig, intelligent und offen auf der anderen Seite.  Die Genferin, die Interesse zeigte, 1930 mit André Citroëns Autoexpedition nach China zu reisen, wurde vom Autobauer sec abgewiesen: „Pas de femme dans mon expédition!“ Citroën wollte seine Überlegenheit beweisen, mit einem eigens konstruierten Automobil bis nach Peking zu kommen – Ella Maillart interessierte sich dafür, wie die Menschen in den Regionen lebten, wo im Normalfall kein Europäer hinkam. Ihr Buch ist für jeden Zentralasienreisenden eigentlich ein „Muss“. Ihr Buch erschien erstmals schon 1934 bei Bernard Grasset, Paris.
Ella Maillart: Turkestan solo. Eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse; Sierra TB, 2001, kt., 383 S., zur Zeit vergriffen.

Colin Thubron, geb. 1939, gilt in England als Grossmeister des Travel Writing. Er hatte die Sechzig schon überschritten, als er sich an ein neues Projekt wagte: Ein Resebuch über die historische Seidenstrasse, von Xian bis Aleppo. Thubron reiste seinem Alter entsprechend etwas komfortabler als ein junger Rucksacktourist, er ging aber ganz offensichtlich auch allen Winkeln und Verzweigungen der alten Seidenstrasse nach und beschreibt in seinem Buch einerseits die Historie, andererseits berichtet er aber auch von Menschen heute, die entlang dieses uralten Handelsweges wohnen, leben arbeiten. Und da passierte es mir bei der Lektüre immer wieder einmal, dass mir nicht nur Orte bekannt sind, von denen Thubron schreibt, sondern ich auch Menschen kenne, denen er begegnet ist. Ein süffig geschriebener Reisebericht, satt unterfuttert mit historischem, politischem und kulturellem Wissen, der noch von echten Abenteuern erzählen kann, weil sie mit Menschen zu tun haben. Und: Thubron weiss nicht nur davon zu erzählen, was alles schief gelaufen ist, sondern viel öfters davon, was ihm positiv in Erinnerung geblieben ist.
Colin Thubron: Im Schatten der Seidenstrasse; DuMont Reiseverlag, 2013, kt., 463 S., ca. Fr. 24.– 

Bildbände

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Aktuelle und zudem noch Bildbände über Zentralasien sind im deutschen Sprachraum keine mehr greifbar. Aus dem Jahr 1990, also noch zur Sowjetzeit, stammt der längst vergriffene Band Samarkand-Chiwa-Buchara von Franz Binder und Ayshen Delemen. Von Pierre Gentelle erschien 2002 dann der Band Zentralasien, der auch schon seit längerem vergriffen ist. 2004 legte dann Franz Binder im renommierten Hirmer Verlag nochmals einen Band vor: Mittelasien. Solid, mit damals qualitativ hochstehenden Fotos zur Architektur, jedoch etwas bieder in der Aufmachung; auch dieser Band ist vergriffen.
Klassisch, historisch informativ und unübertroffen hingegen ist der Band Sur les Routes de l’Orient der grossen Walliser Reisenden Ella Maillart (1903-1997). Er versammelt s/w-Fotografien Maillarts, die sie zwischen 1920 (als Seglerin und Olympiadeteilnehmerin aufgenommen hat) und 1965 (als sie zum letzten Mal Nepal besuchte). Der Band besticht nicht nur durch die ausserordentlichen Aufnahmen, er dokumentiert auch eindrücklich einen gesellschaftlichen und zivilisatorischen Wandel. Wer heute z.B. auf dem Registan in Samarkand steht, staunt über die farbenprächtigen Muster  der grossen Moscheen und man ist schnell bereit, sich mit diesen diesen Baudenkmälern um Jahrhunderte zurück zu versetzen. Wer dann Ella Maillarts Fotos des Registans aus den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts sieht, beginnt nochmals von Neuem zu staunen.
Ella Maillart: Sur les Routes de l’Orient; Actes Sud/Musée de l’Élysée/Musée Olympique, 2003; geb., 159 S., ca. Fr. 54.– 

 

Literatur aus den Ländern Zentralasiens ist in deutscher Sprache Mangelware. Übersetzt ist ein grosser Teil des Werkes von Dschingis Aitmatow; aus seinem umfangreichen Werk empfehle ich vor allem seine Kindheitserinnerungen, die Erzählung Der Traum der Wölfin Thumbnailoder den schmalen Roman Du meine Pappel im roten Kopftuch. Und von Amin Maalouf schliesslich verführt der Roman Samarkand ins zentralasiatische Märchenreich und in die Zeit des grossen Dichters Omar Quajjam.